Manuel Güll: „Wahlkämpfe werden auf der Straße gewonnen“

Von Sara Griesbacher und Lisa Klaffinger

 

Mit einem breiten Grinsen und einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand begrüßt uns Manuel Güll durch den Bildschirm. Die nächste Stunde werden wir mit dem ehemaligen Wahlkampfleiter von NEOS über Skype verbringen. Aufgrund technischer Schwierigkeiten starten wir zwar fünf Minuten später als geplant, dafür aber mit umso mehr Neugier in das Gespräch.

 

Griesbacher/Klaffinger: Wie wichtig und wie mächtig ist ein Wahlkampfleiter?

Güll: Tja. Wie wichtig und wie mächtig? (überlegt) Die Hauptaufgabe des Wahlkampfleiters ist, das Wahlkampfteam zu managen, Strategie zu erarbeiten und umzusetzen. Ich hatte die Gesamtverantwortung für den Wahlkampf, aber natürlich haben der jeweilige Landesvorstand und das Landesteam im Endeffekt die politische Verantwortung. Das heißt, es gab eine ganz enge Verzahnung zwischen mir als Wahlkampfleiter und dem politischen Entscheidungsgremium vor Ort, in dem Fall das Landesteam in der Steiermark. Ich bilde mir erstens gar nicht ein, die Steiermark so gut zu verstehen wie unsere Leute. Es ist also wichtig, dass im Endeffekt die Steirer über Inhalte und auch über große Teile der Strategie entscheiden. Zweitens liegt im politischen Umfeld die politische Verantwortung bei den politischen Entscheidungsträgern, bei den Gewählten. Das heißt, der Wahlkampfleiter ist ganz wichtig, um den Fokus zu behalten. Er ist so mächtig, so gut er sich mit seinem Landesteam, mit seinem Vorstand versteht. Und wir hatten ein sehr gutes Verhältnis.

Also sehr mächtig.

Naja, mächtig ist das falsche Wort.

(…)

Wie sehr stehen Sie in Ihrer Position unter Druck?

Da gibt es keinen Unterschied. Wahlkampf ist Teamarbeit.

Ist wirklich kein Druckgefühl da? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Naja, doch, natürlich habe ich den Druck gespürt, aber ich glaube, nicht anders oder mehr als die Steirerkollegen vor Ort. Ich hatte immer zwei, drei Wahlkämpfe parallel laufen, ich bin also zwischen Burgenland und Steiermark in dem Fall hin und her gependelt. Das hat natürlich den Druck auf mich, den Arbeitsdruck massiv erhöht, und es war natürlich schon so, dass ich nun mal für die Wahlkampagne verantwortlich war. Natürlich habe ich das gespürt. Ich würde jetzt aber keine Gewichtung vornehmen, wer jetzt mehr unter Druck stand. Unsere Leute in der Steiermark, die waren da draußen, jeden Tag, bei Wind und Wetter. Die haben ganz schön gerackert.

(…)

Was war die spezielle Zielgruppe?

Wir arbeiten mit Werten. Unsere Zielgruppe definiert sich nicht primär über Alter und Bildungsstand, sondern ist zum Beispiel sehr änderungsfreudig. Die hat Lust auf Neues und ist sehr zielorientiert. Die will nicht so großes Geschwafel, sondern da muss am Ende etwas rauskommen.

Wie spricht man eine Zielgruppe an, die nicht soziodemografisch zuzuordnen ist?

Das machen die Umfrageinstitute.

Aber wie erreicht man diese Zielgruppen im Wahlkampf am besten?

Wichtig ist eben zuerst einmal die Themenauswahl. Sie brauchen ein Thema, das für die Partei und für die Zielgruppe wichtig ist und sich idealerweise deckt. Und dann ist es nur die Art und Weise, wie Sie kommunizieren. Unsere Plakate haben schon anders ausgeschaut als alle anderen. Wir hatten nicht einfach das Gesicht des Spitzenkandidaten, wie alle anderen, sondern wir hatten einen eigenen grafischen Stil gewählt. Wir spitzen auch zu, also gerade beim Thema Bildung zum Beispiel haben wir gesagt, den Landesschulrat streichen, den brauchen wir nicht. Mit einer klaren Botschaft haben wir unsere Zielgruppe angesprochen. Und wir haben auch ganz stark auf Aktivismus gesetzt, wir sind pink durch Graz gezogen, wir haben Gebäude in Pink angestrahlt. Wir hatten eine Person engagiert, die mit einem Fahrrad und einem großen Projektor herumgefahren ist. Sie hat damit die Wirtschaftskammer angestrahlt.

Also hauptsächlich Plakate, die herausstechen, und Aktivismus als Stichwörter?

Ja, genau. Wahlkämpfe werden wirklich auf der Straße gewonnen, im persönlichen Gespräch. Wir hatten einen Plan, dass wir möglichst viel draußen sind, Infostände, Veranstaltungen machen, mit den Menschen ins Gespräch kommen. Und da muss man auch sagen, das ist kein Geheimnis, wir waren einfach sehr wenige. Das war in der Tat eine ganz große Herausforderung und, ich glaube, einer der Hauptgründe, warum wir nicht eingezogen sind. Die, die da waren, haben alle tolle Arbeit geleistet. Aber wir waren nur sehr wenige in der ganzen Steiermark.

Gibt es dazu konkrete Zahlen?

Ich behaupte mal, es waren zwanzig, dreißig richtig Aktive, die bei Wind und Wetter rausgegangen sind.

Das heißt, die kann man sozusagen zum inner circle der Kampagne zählen?

Ja, die waren ganz entscheidend, aber Sie müssen sich vorstellen, von Schladming bis Spielberg dreißig Leute …

(…)

Wenn Sie Pinocchio wären, wie lang wäre Ihre Nase?

Wie lange wär meine Nase?

Länger als sonst?

Nein, der hat ja immer gelogen! Also Regel Nummer eins in der Kommunikation und auch für mich ganz persönlich: Ich würde nicht lügen. Weil erstens kommt es raus und zweitens, man muss ja abends in den Spiegel schauen und sagen: „Ich habe mit bestem Wissen und Gewissen diesen Tag überstanden.“ Also die Nase ist genau so groß wie sonst. Gelogen gehört nicht!

Morgen:

Stefan Hermann: „Wir haben kein Dirty Campaigning gemacht“

Von Theresa Hartlauer und Nicole Stranzl

 

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