Stefan Hermann: „Wir haben kein Dirty Campaigning gemacht“

Von Theresa Hartlauer und Nicole Stranzl

 

Es ist kalt, als ein junger, dunkelhaariger Mann die Landhausgasse betritt. Der Klang seiner Schritte wird von den alten Mauern des Landhauses zurückgeworfen und ist das einzige Geräusch, das in diesem Moment zu hören ist. Er lächelt, als er seine Gäste erblickt, beschleunigt seine Schritte und streckt schon ein paar Meter vor ihnen seine Hand zur Begrüßung aus. „Stefan Hermann. Ich nehme an, dass Ihr mich heute interviewen wollt.“ Er lächelt, als er es sagt. Es ist ein Lächeln, das er an diesem Tag nur sehr selten ablegen wird. „Danke, dass Sie uns hier abholen.“ Hermann winkt ab und lacht, während er seine beiden Besucher ins Innere des Landhauses führt. Hinaus aus der Kälte in die wohlig warmen Räumlichkeiten seines Büros.

 

Hartlauer/Stranzl: Wie wichtig und mächtig ist so ein Wahlkampfleiter?

Hermann: (Lacht) Wichtig ist er sehr, mächtig ist er überhaupt nicht (lacht). Es geht um die Gesamtkoordination. Diese sechs Wochen Landtagswahlkampf waren sicher die stressigsten in meinem Leben. Ich bin in der Zeit sicher um fünf Jahre gealtert.

Wie viel Druck lastet auf einem?

Für den Inhalt und die Wahlkampflinie haben wir eine Steuerungsgruppe mit sechs, sieben Personen eingerichtet. Die Ausführung, die Organisation habe ich gemacht, und eine Werbeagentur hat uns bei der grafischen Umsetzung unterstützt.

(…)

Gab es unter den Wählern spezielle Zielgruppen?

Wir haben Schwerpunkte gesetzt. Wir haben in Städten andere Themen gespielt als am Land. In Graz haben wir Betteln und Sicherheit als Themen gehabt. Das haben wir in einer Berggemeinde in der Obersteiermarkt nicht plakatiert. Und wir haben eigene Werbemittel für die Jugendlichen gehabt.

Welche?

Das waren Kondome, wo „Mehr G’spür für die Steirer“ (lacht) aufgedruckt war. Für die Mädels gab es einen Teddybär, den „Kuni-Bär“, der war ganz witzig. Und inhaltlich haben wir mit einen Wahlkampfflyer gearbeitet.

Wir hatten für jede Zielgruppe, für jede Wählergruppe eigene Dinge, und die sind gar nicht so blöd, wenn man sie sich einmal durchliest. Und es gab das „Handbuch Freiheitlicher Politik“. Da sind wirklich alle politischen Bereiche mit Problemfeldern und unseren Lösungen abgedeckt. Uns war wichtig zu zeigen: Hoppala, es gibt weit mehr da als nur das Anti-Islam-Plakat vom Strache.

Glauben Sie, dass ihre Zielgruppen so etwas überhaupt lesen?

Uns war wichtig, uns breit aufzustellen, also nicht nur lästige Fragen zu stellen, sondern auch Antworten zu liefern.

Die Jugendlichen sind doch auch eine sehr große Zielgruppe oder?

Ja sicher, die Jugend ist eine sehr, sehr große Zielgruppe, und du merkst schon, dass der Zuspruch unter den Jugendlichen ein sehr, sehr großer ist.

Ist ihre Zielgruppe eher männlich oder weiblich?

Bei den unter 30-Jährigen waren es 25 Prozent und bei den 30 bis 60-Jährigen 33 Prozent der Wähler. Männer: 38 Prozent, Frauen: 17 Prozent.

Also würden Sie nicht sagen, dass es einen typischen FPÖ-Wähler gibt?

Nein. Das ist wirklich ein kompletter Blödsinn, und da werde ich persönlich zornig, wenn es immer heißt: „Ja, die Modernisierungsverlierer und die bildungsfernen Leute wählen FPÖ.“ Das ist ein kompletter Stuss. Wir haben im Landtagsklub nur Akademiker sitzen, wir haben im Parlamentsklub die höchste Akademikerquote im Vergleich zu den anderen Parteien. Ich selbst bin ja auch kein ganzer Depp!

(…)

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Gibt es seit der Landtagswahl Veränderungen in der Kommunikationsform Ihrer Partei?

Nach außen oder intern?

Nach außen.

Wir haben weniger Geld und weniger Einfluss. Wir haben zwar an Mandaten und Prozenten zugelegt, aber durch die Abschaffung des Proporzes und den Verlust des Regierungssitzes haben wir viel weniger Einfluss und auch viel weniger Einsicht in gewisse Dinge. Ein Großteil des tagespolitischen Geschäfts wird in der wöchentlich stattfindenden Regierungssitzung beschlossen. Ich bekomme jetzt nur mehr die Tagesordnung, und dadurch ist ein großer Teil des Einblicks und der Kontrolle weggefallen.

Unabhängig davon waren wir früher gerade im Verkehrsbereich mit dem Gerhard Kurzmann medial viel präsenter als jetzt. Aber wir machen’s nicht schlecht. In unserem Klub-Budget ist ein Teil für Medienkooperationen reserviert. Jetzt haben wir mit gewissen Medien ein Paket für ein Jahr geschnürt, wo wir gesagt haben: „Okay, wir haben die Summe X für das ganze nächste Jahr vorgesehen.“ Wir können bei Bedarf Inserate im Rahmen dieser Vereinbarung abrufen.

Wir müssen in der Kommunikation die Spannung nach innen und nach außen aufrecht erhalten. Die Themen spielen natürlich für uns, aber man muss auch immer wieder versuchen, die neu zu erfinden.

Abschließende Frage: Wenn Sie Pinocchio wären – wie lange wäre Ihre Nase?

Zum Glück habe ich so schon eine große Nase. Wie lange wäre mein Nase? Weiß ich nicht (überlegt). Was ist das für eine Frage? Ist aber eine gute Frage. Gelogen habe ich im Wahlkampf nicht, ich habe zwar nicht immer alles gesagt, aber gelogen habe ich nicht.

Morgen:

Max Lercher: „Was wir bei der nächsten Wahl besser machen können? Dramatisieren!“

Von Sarah Murlasits und Nora Partl

 

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