Eva Zeglovits: Wahlumfragen: Blick in die Kristallkugel?

 

„The natural science talk about their results.

The social sciences talk about their methods.“[1]

 

Einleitung

Meinungsforschung rückt in Wahlkämpfen medial immer mehr ins Rampenlicht. Kleine Änderungen in der sogenannten Sonntagsfrage schaffen Schlagzeilen, es kann sogar so weit gehen, dass der Erfolg einer Partei nicht mehr daran gemessen wird, wie viele Wählerinnen und Wähler sie im Vergleich zur letzten Wahl gewonnen oder verloren hat, sondern ob sie über oder unter den Erwartungen aus den Umfragen liegt. Dies scheint politisch wenig Sinn zu machen und wirft die Frage auf: Was können Umfragen in einem Wahlkampf tatsächlich leisten?

Wenn man Umfrageergebnisse interpretieren möchte, muss man sich drei Fragen entlang des Erhebungsprozesses stellen, nämlich:

  1. Wer wird gefragt?
    2. Wie wird gefragt?
    3. Was wird gefragt?

Der vorliegende Beitrag  ermöglicht den interessierten Leserinnen und Lesern, die Aussagekraft von publizierten Wahlumfragen zu beurteilen. Dabei werden die wichtigsten Begriffe aus der Wahlforschung erklärt.

 

(…)

 

Stichprobengröße und Schwankungsbreite

Wichtig bei allen Umfragen ist, wieviele Menschen befragt wurden. In der Umfrageforschung gilt: Je mehr Menschen befragt wurden, desto präziser sind die Ergebnisse. In der Statistik gibt es dafür das Konzept der Schwankungsbreite, das für einen Kennwert aus einer Umfrage, z.B. den Anteil der Menschen, die Partei A wählen wollen, ein Konfidenzintervall angibt, das mit einer bestimmten statistischen Sicherheit den wahren Wert in der Grundgesamtheit abdeckt.[2] Wie groß diese Schwankungsbreite ist, hängt bei Anteilswerten von drei Faktoren ab:

  1. Wieviele Menschen wurden gefragt? Je mehr Menschen befragt wurden, desto kleiner ist die Schwankungsbreite, weil die Wurzel der Fallzahl in der Formel für die Schwankungsbreite im Nenner steht. Diese Anzahl bezeichnet man als Fallzahl, Stichprobengröße oder n.
  2. Welche Fehlerwahrscheinlichkeit lässt man zu? Üblich sind fünf Prozent, das bedeutet, wenn man 100 Umfragen mit gleichem Stichprobenverfahren und gleicher Fragestellung macht, decken 95 davon mit dem Konfidenzintervall den wahren Wert ab, fünf nicht. Hier gilt: Je kleiner die Fehlerwahrscheinlichkeit, desto größer die Schwankungsbreite. Wollte man hundertprozentige Sicherheit erreichen, müsste man eine sehr unpräzise Aussage machen. Hundertprozentige Sicherheit erlangt man, indem man sagt: Die Partei A kommt in der Umfrage auf 23%, der wahre Wert liegt irgendwo zwischen null und 100%. Fünf Prozent Fehlerwahrscheinlichkeit ist quasi ein in den Sozialwissenschaften anerkannter Kompromiss zwischen Fehlerwahrscheinlichkeit und Präzision.
  3. Handelt es sich um einen Anteilswert eher in der Mitte oder eher am Rand des möglichen Spektrums? Anteilswerte um die 50% schwanken stärker als Anteilswerte um die fünf Prozent. Das kann man daran veranschaulichen, dass ein Anteilswert von zwei Prozent nicht um plus/minus drei Prozentpunkte schwanken kann, weil man dadurch in den negativen Bereich hineinkäme.

Die nachfolgende Tabelle gibt für ausgewählte Fallzahlen und ausgewählte Prozentanteile einen Überblick über die Schwankungsbreiten, wenn man die Fehlerwahrscheinlichkeit bei den üblichen fünf Prozent festlegt:

Prozentwert
Fallzahl   3 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50
97 95 90 85 80 75 70 65 60 55 50
50 4,7 6,0 8,3 9,9 11,1 12,0 12,7 13,2 13,6 13,8 13,9
100 3,3 4,3 5,9 7,0 7,8 8,5 9,0 9,3 9,6 9,8 9,8
150 2,7 3,5 4,8 5,7 6,4 6,9 7,3 7,6 7,8 8,0 8,0
200 2,4 3,0 4,2 4,9 5,5 6,0 6,4 6,6 6,8 6,9 6,9
250 2,1 2,7 3,7 4,4 5,0 5,4 5,7 5,9 6,1 6,2 6,2
300 1,9 2,5 3,4 4,0 4,5 4,9 5,2 5,4 5,5 5,6 5,7
350 1,8 2,3 3,1 3,7 4,2 4,5 4,8 5,0 5,1 5,2 5,2
400 1,7 2,1 2,9 3,5 3,9 4,2 4,5 4,7 4,8 4,9 4,9
500 1,5 1,9 2,6 3,1 3,5 3,8 4,0 4,2 4,3 4,4 4,4
600 1,4 1,7 2,4 2,9 3,2 3,5 3,7 3,8 3,9 4,0 4,0
700 1,3 1,6 2,2 2,6 3,0 3,2 3,4 3,5 3,6 3,7 3,7
800 1,2 1,5 2,1 2,5 2,8 3,0 3,2 3,3 3,4 3,4 3,5
900 1,1 1,4 2,0 2,3 2,6 2,8 3,0 3,1 3,2 3,3 3,3
1000 1,1 1,4 1,9 2,2 2,5 2,7 2,8 3,0 3,0 3,1 3,1
1500 0,9 1,1 1,5 1,8 2,0 2,2 2,3 2,4 2,5 2,5 2,5
2000 0,7 1,0 1,3 1,6 1,8 1,9 2,0 2,1 2,1 2,2 2,2
2500 0,7 0,9 1,2 1,4 1,6 1,7 1,8 1,9 1,9 2,0 2,0
3000 0,6 0,8 1,1 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 1,8 1,8 1,8

 

Tab 1: Schwankungsbreiten von Anteilen, in Abhängigkeit der Stichprobengröße und des Anteilswertes

 

Ergibt die Umfrage mit einer Gesamtbefragtenzahl von 800 Personen für eine Frage das Ergebnis 20 Prozent, so schwankt dieses Ergebnis um 2,8 Prozentpunkte. Mit einer statistischen Sicherheit deckt damit das Intervall 20 Prozent +/- 2,8 Prozentpunkte, also 17,2 Prozent bis 22,8 Prozent, den wahren Wert in der Grundgesamtheit ab.

Bei der „Sonntagsfrage“ ist darüberhinaus zu berücksichtigen, dass im Normalfall nicht alle  Befragten sagen, wen sie wählen wollen, etwa weil sie gar nicht wählen gehen wollen, weil sie es noch nicht wissen oder aber weil sie es vielleicht schlicht und einfach nicht sagen wollen. Die Personen, die bei der „Sonntagsfrage“ keine Partei nennen, nennen wir Nicht-Deklarierte. Das bedeutet aber, dass die üblicherweise publizierten Zahlen auf kleineren Fallzahlen basieren, als die Umfrage insgesamt Befragte hatte.

 

(…)

 

Fazit: Was können Wahlumfragen leisten?

Umfragen können Wahlverhalten oft sehr gut erklären, können Ursachen identifizieren, warum Menschen an der Wahl teilnehmen oder ihr fernbleiben, warum sie einer bestimmten Partei ihre Stimme geben. Als Prognoseinstrument sind sie aber nur sehr eingeschränkt nützlich. Zum einen, weil Umfragen Momentaufnahmen sind; sie können anzeigen, wie das aktuelle Stimmungsbild in der Bevölkerung gerade ist. Selbst die methodisch beste Umfrage ist keine Prognose für eine Wahl, die viele Wochen später stattfinden wird. Zuviel kann in einem Wahlkampf passieren, zu groß ist der Anteil derer, die sich erst in den letzten Tagen entscheiden. Zum anderen sind Umfragen als Prognoseinstrument schlicht zu unpräzise. Man müsste 10.000 Menschen befragen, um eine Schwankungsbreite von unter einem Prozentpunkt für sehr große Parteien zu erzielen. Dafür sind üblicherweise keine Ressourcen vorhanden.

Ein verantwortungsvoller Umgang mit Wahlumfragen ist wichtig, da diese das Wahlverhalten beeinflussen können. Jene, die Umfragen publizieren, sind in der Verantwortung, Umfragen nicht für Schlagzeilen oder strategische Aussagen zu instrumentalisieren, sondern sie als das zu verwenden, was sie sind: ein in Zahlen gegossenes Stimmungsbild.

 

Morgen:

„Eine normale Gemeinderatswahl war es nicht.“ Die Gemeinderatswahlen vom 22. März 2015

Von Heinz P. Wassermann und Natalie Ziermann

_____

[1] Henri Pinotcare zit n. Gerring, John: Social science methodology. A unified framework. Cambridge/UK2 2012. S. xix.

[2] Vgl. z. B. Kühnel, Steffen-M. und Krebs, Dagmar: Statistik für die Sozialwissenschaften. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Reinbek bei Hamburg6 2012.

RSS
Follow by Email
Facebook
Google+
http://urnengang.fh-joanneum.at/2016/07/07/eva-zeglovits-wahlumfragen-blick-in-die-kristallkugel/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.