Martina Zandonella und Flooh Perlot: Themen, Motive und Wahlverhalten bei der Landtagswahl 2015

Einleitung

 

(…)

 

Das „Institut für Strategieanalysen“ (ISA) und das „Institute for Social Research and Consulting“ (SORA) haben zu den Landtagswahlen im Auftrag des ORF eine Wahltagsbefragung durchgeführt. Diese telefonische Erhebung wurde von Donnerstag vor der Wahl bis inklusive des Wahlsonntags durchgeführt, insgesamt wurden 1.202 Wahlberechtigte befragt.

Basis für die Konzeption des Fragebogens und die Interpretation der Ergebnisse sind die in der Wahlforschung etablierten Theorien der Wahlentscheidung bzw. deren Blickwinkel auf das Wahlverhalten des Elektorats. Dabei lassen sich mehrere Modelle unterscheiden: Der makrosoziologische Ansatz erklärt Wahlverhalten (und auch die Bildung von Parteien) in erster Linie über die Gesellschaft und die in ihr vorhandenen Konfliktlinien, traditionell etwa zwischen Zentrum und Peripherie, Kirche und Staat oder Stadt und Land.[1] Mikrosoziologische Überlegungen rücken demgegenüber die individuelle Zugehörigkeit zu verschiedenen sozialen Gruppen – nach dem Beruf, der formalen Bildung oder nach dem Alter – in den Mittelpunkt und betonen den Einfluss des sozialen Umfelds auf die Wahlentscheidung.[2]

Das sozialpsychologische Modell versucht Wahlverhalten vor allem über die Bindung der Wählerinnen und Wähler an eine Partei und eine sogenannte Parteiidentifikation zu erklären. Diese wird langfristig gebildet, beeinflusst aber kurzfristig, wie Parteien, deren Positionen und Kandidatinnen und Kandidaten in einem Wahlkampf wahrgenommen werden.[3] Schließlich sehen rational-choice-Theorien[4] Wahlverhalten als individuellen Akt, um den persönlichen Nutzen zu maximieren. Dabei orientieren sich Wählerinnen und Wähler an programmatischen Positionen der Parteien (issue voting) und an der Beurteilung von deren bisheriger Arbeit und Kompetenzen  (retrospective voting).[5] Modelle wie der Kausalitätstrichter kombinieren Elemente dieser Theorien, indem sie der wirtschaftlichen und sozialen Ausgangslage ebenso einen Stellenwert einräumen wie persönlicher Parteiidentifikation, der Bewertung der Spitzenkandidaten oder der rückblickenden bzw. in die Zukunft schauenden Beurteilung der Arbeit der antretenden Parteien. Sie versuchen auf diesem Weg, die Komplexität der Wahlentscheidung besser darzustellen.[6]

Die ISA/SORA-Wahltagsbefragung baut (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) auf diesen Ansätzen auf und erfasst neben der allgemeinen Stimmungslage im Bundesland die im Wahlkampf für die Wahlberechtigten relevanten Themen, die Wahlmotive für die einzelnen Parteien und die Einstellungen der Steirer zur „Reformpartnerschaft“ von SPÖ und ÖVP. Darüber hinaus kann aus den Ergebnissen der Wahltagsbefragung auf das Wahlverhalten unterschiedlicher soziodemographischer Gruppen geschlossen werden. Mit letzterem beginnend, werden im Folgenden einige Ergebnisse der Wahltagsbefragung vorgestellt.

 

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Das Wahlverhalten in Zusammenhang mit der Stimmung in der Bevölkerung

Zum Zeitpunkt der Wahl war die Stimmung in der Steiermark gespalten: Während ein Drittel der Wähler (34 Prozent) dem Land eine eher positive Entwicklung seit der letzten Landtagswahl im Jahr 2010 attestierten, nahm ein weiteres Drittel (35 Prozent) eine negative Entwicklung wahr. Keine Veränderung zu 2010 konnten 29 Prozent der Steirer erkennen. Mit dieser retrospektiven Bewertung der Entwicklung der Steiermark ging ein jeweils charakteristisches Wahlverhalten einher:

Jene Steirer, die eine eher positive Entwicklung des Bundeslandes wahrgenommen haben, wählten nahezu ausschließlich die beiden Regierungsparteien – SPÖ und ÖVP erhielten jeweils 44 Prozent der Stimmen. Auch in der Gruppe der Wähler, die seit 2010 keine Veränderung bemerkt haben, entschieden sich zwei Drittel für die SPÖ oder die ÖVP (jeweils 31 Prozent), die FPÖ erzielte mit 22 Prozent den dritten Platz. Gänzlich anders entschieden sich jene Wähler, die der Steiermark eine negative Entwicklung attestierten:  Bei ihnen lag die FPÖ mit 64 Prozent der Stimmen unangefochten auf Platz eins, weit abgeschlagen landete die KPÖ mit zehn Prozent auf Platz zwei.

  SPÖ ÖVP FPÖ „Grüne“
eher positiv 44 44 4 5
eher negativ 7 6 64 7
nichts verändert 32 32 22 8

Tab 6: Wahlverhalten nach Bewertung der Entwicklung der Steiermark seit 2010; Angaben in Prozent, n=1.202; Rest auf 100=andere Parteien und Rundungsfehler. „Hat sich die Steiermark in den vergangenen fünf Jahren aus Ihrer Sicht eher positiv entwickelt, hat sie sich eher negativ entwickelt oder hat sich nichts geändert?“

 

Nicht nur die Bewertung der vergangenen Entwicklung des Landes spielt eine entscheidende Rolle bei der Wahlentscheidung, denn der jeweiligen Bewertung entsprechend erhalten entweder die regierenden[7] oder die Oppositionsparteien die Unterstützung der Wähler. Auch die Erwartungen, die die Steirer mit der Zukunft verbinden, tragen zu ihrer Wahlentscheidung bei.

Der Blick in die Zukunft fällt unter den Steirerinnen und Steirern dabei ähnlich geteilt aus wie die Bewertung der Vergangenheit: 27 Prozent blickten den kommenden fünf Jahren zuversichtlich entgegen, 38 Prozent mit Sorge und 34 Prozent neutral. Bei der Landtagswahl 2015 entschieden sich die Zuversichtlichen allen voran für die SPÖ (46 Prozent) und die ÖVP (39 Prozent), während die in Hinblick auf die Zukunft besorgten Steirer mehrheitlich der FPÖ (56 Prozent) ihre Stimme gaben. Sowohl die SPÖ als auch die ÖVP erzielten in dieser Gruppe jeweils nur rund jede zehnte Wählerstimme.

  SPÖ ÖVP FPÖ „Grüne“
Zuversicht 45 39 3 9
Neutral 33 40 14 8
Sorge 11 13 56 4

Tab 7: Wahlverhalten nach Sicht auf die Zukunft der Steiermark; Angaben in Prozent, n=1.202; Rest auf 100=andere Parteien und Rundungsfehler. „Und wenn Sie an die kommenden fünf Jahre denken: Blicken Sie der Zukunft eher mit Zuversicht, eher mit Sorge oder eher neutral entgegen?“

 

Die FPÖ konnte also nicht nur jene Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen, die  mit der Entwicklung der Steiermark – und damit auch mit der Arbeit der beiden Regierungsparteien SPÖ und ÖVP – unzufrieden waren. Auch jene, die den kommenden fünf Jahren besorgt entgegen blickten, entschieden sich in hohem Ausmaß für die FPÖ. Unter jenen, die die Entwicklung der Steiermark negativ bewerteten bzw. besorgt in die Zukunft blickten sind überdurchschnittlich häufig Männer, Arbeiter und Personen mit geringen formalen Bildungsabschlüssen.

 

(…)

 

 

Fazit

Der Begriff „historisch“ in der Beschreibung des Ergebnisses der Landtagswahlen hat 2015 durchaus seine Berechtigung. SPÖ und ÖVP lagen in der Zweiten Republik in der Steiermark niemals schlechter, FPÖ und „Grüne“ niemals besser. Die Stimmverschiebungen waren beachtlich, wie die Verluste der beiden Regierungsparteien von jeweils rund neun sowie der Gewinn der FPÖ von über 16 Prozentpunkten zeigen. Die Tatsache, dass die FPÖ in der vorletzten Legislaturperiode – 2005 bis 2010 – gar nicht im Landtag vertreten war, und 2015 nur knapp hinter SPÖ und ÖVP auf Platz drei landete, illustriert die Dynamik, die sich im Elektorat (auch) in der Steiermark vollzieht.

Die „Reformpartnerschaft“ war ein wichtiges Thema bei dieser Wahl, es war aber nicht alleinig entscheidend für den Wahlausgang. Die Regierungsparteien sahen sich vor allem mit Kritik an den Einsparungen im Sozialbereich konfrontiert, die Maßnahmen in anderen Bereichen ernteten eher Zustimmung.

In der Wählerschaft selbst zeigen sich Spaltungen, die vor allem an Variablen wie formale Bildung und Alter festgemacht werden können. Bei den über 60-Jährigen konnten SPÖ und ÖVP eine sichere Zwei-Drittel-Mehrheit bewahren, bei den unter 30-Jährigen sanken sie gemeinsam unter 50 Prozent. Das starke Abschneiden der FPÖ bei Arbeitern zeigt, dass die Partei Teile der Bevölkerung sehr erfolgreich und ohne große Konkurrenz ansprechen kann.

Der FPÖ gelang es 2015 dabei besser als jeder anderen Oppositionspartei, die mit der Entwicklung des Landes und der Arbeit der Regierungskoalition unzufriedenen Steirerinnen und Steirern zu erreichen. Auch die in Hinblick auf die Zukunft besorgten Wähler sahen ihre Sorgen bei der FPÖ besser als bei den anderen Parteien aufgehoben. Wie sich eben diese Gruppe der besorgten Bürger – zum Zeitpunkt der Landtagswahl 2015 umfasste sie bereits 38 Prozent der Wahlberechtigten – in den kommenden Jahren entwickeln wird und welchen steirischen Parteien es gelingen wird, diese Sorgen im Rahmen einer glaubwürdigen und konstruktiven Politik aufzugreifen, wird mitentscheidend sowohl für die Ausgangslage als auch das Ergebnis künftiger Wahlen in der Steiermark sein.

 

Morgen:

„Zwischen Ernüchterung, Enttäuschung und Entsetzen“. Die Landtagswahlen vom 31. Mai 2015

Von Heinz P. Wassermann und Natalie Ziermann

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[1] Vgl. Lipset, Seymour and Rokkan, Stein: Cleavage Structures, Party Systems, and Voter Alignments. In: Party Systems and Voter Alignments. Cross-National Perspectives. Ed. by Seymour Lipset [u. a.]. New York 1967. S. 1-64; für Österreich vgl. Plasser, Fritz und Ulram, Peter A.: Parteienwettbewerb in der Mediendemokratie. In: Politische Kommunikation in Österreich. Ein praxisnahes Handbuch. Hg. v. Fritz Plasser. Wien 2004 (= Schriftenreihe des Zentrums für Angewandte Politikforschung, Bd. 29). S. 380-384.

[2] Vgl. Lazarsfeld, Paul F. [u. a.]: The People’s Choice. How the Voter Makes Up His Mind in a Presidential Campaign. New York 1944.

[3] Vgl. Campbell, Angus [u. a.]: The American Voter. New York 1960.

[4] Vgl. Downs, Anthony: An Economic Theory of Democracy. New York 1957.

[5] Vgl. Fiorina, Morris P.: Retrospective Voting in American National Elections. New Haven 1981.

[6] Vgl. Miller, Warren E. and Shanks, Merril J.: The New American Voter. Cambridge, Mass. 1996.

[7] Die FPÖ war zwar aufgrund des Proporzes formal Teil der Landesregierung, de facto jedoch Oppositionspartei.

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