Heinz P. Wassermann und Natalie Ziermann: „Zwischen Ernüchterung, Enttäuschung und Entsetzen“(1). Die Landtagswahlen vom 31.

Einleitung

Der folgende Beitrag ist in fünf Abschnitte unterteilt. In einem ersten Schritt werden jene Parameter, die sich im Vergleich zu den Gemeinderatswahlen vom 22. März 2015 geändert haben, näher beschrieben. Danach wird das Gesamtergebnis auf Landes- und Bezirksebene kurz analysiert. Im Folgenden werden (veränderte) Mehrheitsverhältnisse auf einer allgemeinen und einer parteibezogenen Ebene diskutiert. Als viertes wird die Wahlbeteiligung analysiert und auf der Basis der Variablen Bezirksfusionsstatus, Bezirksfusionsfaktor, Gemeindefusionsfaktor, Gemeindefusionsstatus, Mehrheitsverhältnisse 2010 sowie der zwei berechneten Renitenzfaktoren der Kommunen auf etwaige Signifikanzen hin statistisch gerechnet. In einem letzten Schritt werden die jeweiligen Gesamtergebnisse (Ge) und Prozentpunktdifferenzen (Ppd) der Parteien auf der Basis von 24 Variablen auf Korrelationen bzw. Mittelwertdifferenzen[1] gerechnet und interpretiert sowie abschließend jeweils eine lineare Regression (außer für die Prozentpunktdifferenzen von NEOS und „Team Stronach, weil sie erstmals kandidierten) durchgeführt.

 

(…)

 

Das FPÖ-Ergebnis

Die folgende Tabelle dient als Interpretationsbasis des FPÖ-Ergebnisses auf Bezirksebene:

Ge Ppd Ge Ppd
BM 27,91% 16,44 LI 25,00% 15,77
DL 30,48% 21,42 MU 28,26% 20,62
G 19,81% 7,88 MT 26,79% 17,68
GU 29,03% 16,14 SO 28,68% 19,21
HF 28,59% 19,03 VO 32,57% 22,08
LB 32,41% 21,58 WZ 26,45% 15,85
LE 24,34% 13,8 LS 26,76% 16,10

Tab 18: FPÖ-Ergebnisse auf Bezirksebene

 

Mit 32,57 Prozent war der Bezirk Voitsberg der prozentuell stärkste der Freiheitlichen, die in der Landeshauptstadt mit 19,81 Prozent das schwächste Bezirksergebnis verzeichneten. Den größten Prozentpunktzuwachs fassten sie mit 22,08 Prozentpunkten wiederum im Bezirk Voitsberg, den geringsten mit 7,88 wiederrum in Graz aus. Bemerkenswert an den Prozentpunktdifferenzen ist, dass die FPÖ in allen Bezirken zulegen konnte.

Die FPÖ verzeichnete in allen 287 Gemeinden ein Prozentpunktplus.

Sie verzeichnete mit 11,95% in Altaussee (LI) das Prozentminimum und in Hartl (HF) mit 44,1% das Maximum. Das Prozentpunktplus war mit 6,7 in Bad Aussee (LI) am schwächsten, und wiederum in Hartl (HF) mit 32,41 am stärksten ausgeprägt.

Wie sich die einzelnen Variablen auf das FPÖ-Gesamtergebnis und die Prozentpunktdifferenzen auswirkten, ist an der folgenden Tabelle ablesbar:

Ge Ppd
Wahlberechtigte ns s-
Wahlbeteiligung ns ns
Veränderung Wahlbeteiligung  (Ppd) ns ns
Veränderung Wahlbeteiligung in Kategorien ns ns
Gemeindefusionsstatus hs hs
Bezirksfusionsstatus ns ns
Schulschließung ns ns
Polizeipostenschließung ns ns
Gesundheitsversorgung hs hs
Postamtsschließung ns ns
Schließung von Bezirksgerichten hs s
Arbeitslosenrate ns s-
Veränderung Arbeitslosenrate (Ppd) ns ns
Veränderung Arbeitslosenrate in Kategorien ns ns
Arbeitslosenrate im Vergleich zum Landesschnitt hs hs
Flüchtlinge in Prozent ns ns
Existenz von Flüchtlingen ns ns
Migrantenanteil ns s-
Renitenzfaktor1 hs hs
Renitenzfaktor2 hs ns
Kandidaturen von Namenslisten in Kategorien ns ns
Anzahl der Namenslisten ns ns
Gemeindefusionsfaktor ns s-
Bezirksfusionsfaktor s- hs-

Tab 19: Signifikanztabelle FPÖ

 

Für insgesamt 48 durchgeführte Berechnungen sind 17 (hoch) signifikante Korrelationen bzw. Mittelwertunterschiede feststellbar, das sind 35,4 Prozent. Davon entfallen sieben auf das Gesamtergebnis und zehn auf die Prozentpunktdifferenzen.

 

Interpretationen Gesamtergebnis

Das Wahlergebnis hängt vom Gemeindefusionsstatus ab (F(285)= 8,73, p<,01). In fusionierten Gemeinden hat die FPÖ ein hoch signifikant besseres Ergebnis (MW: 29,64, SD: 4,90) als in nicht fusionierten Gemeinden (MW: 26,98, SD: 6,32).

Das Wahlergebnis der FPÖ hängt von der Gesundheitsversorgung ab (F(285)= 1,04, p<,01). In Gemeinden/Bezirken, in denen Krankenhausabteilungen geschlossen wurden, hat die FPÖ ein hoch signifikant besseres Wahlergebnis (MW: 30,29, SD: 5,22) als in Gemeinden/Bezirken, die von Schließungen nicht betroffen waren (MW: 26,49, SD: 5,81).

Es hängt auch von der Schließung von Bezirksgerichten ab (F(285= 1,76, p<,01). In Gemeinden/Bezirken, die von Gerichtsschließungen betroffen waren (MW: 27,55, SD: 6,02), schneidet die FPÖ hoch signifikant schlechter ab als in solchen, die von Schließungen nicht betroffen (MW: 29,48,89, SD: 5,33) waren.

Das Wahlergebnis der FPÖ unterscheidet sich hoch signifikant je nachdem, wie hoch die Arbeitslosenrate im Vergleich zum Landesschnitt ist (F(2,284)= 15,14, p<,01). Wenn sie im Landesschnitt liegt (MW: 32,75, SD: 3,43), hat die FPÖ sowohl ein besseres Ergebnis, als wenn die Arbeitslosenrate unter (MW: 28,54, SD: 5,44, p<,01) oder auch über dem Landesschnitt liegt (MW: 26,04, SD: 6,34, p<,01). Das FPÖ-Gesamtergebnis ist außerdem hoch signifikant besser, wenn die Arbeitslosenrate unter dem Landesschnitt ist, als wenn sie über dem Landesschnitt liegt (p<,01).

Renitenzfaktor1 (r= ,26, p<,01) und Renitenzfaktor2 (r= ,26, p<,01) korrelieren hoch signifikant positiv mit dem Wahlergebnis der FPÖ. Je höher sie sind, desto besser ist das Wahlergebnis der FPÖ.

Der Bezirksfusionsfaktor korreliert signifikant negativ mit dem FPÖ-Wahlergebnis (r= -,14, p<,05). Umso mehr Gemeinden in einem Bezirk fusioniert wurden, umso schlechter fällt das Wahlergebnis der FPÖ aus.

 

Interpretationen Prozentpunktdifferenzen

Die Zahl der Wahlberechtigten korreliert signifikant negativ mit der Prozentpunktdifferenz der FPÖ-Wahlergebnisse (r= -,12, p<.05). Je höher die Zahl der Wahlberechtigten ist, desto weniger gewinnt die FPÖ dazu.

Die Prozentpunktdifferenz unterscheidet sich hoch signifikant (F(285)= 1,88, p <,01) je nach Gemeindefusionsstatus. In nicht fusionierten Gemeinden (MW: 16,82, SD: 4,94) gewinnt die FPÖ weniger dazu als in fusionierten (MW: 19,50, SD: 2,26).

Die Prozentpunktdifferenz hängt von der Gesundheitsversorgung ab (F(285)= 2,81, p<,01). In Gemeinden/Bezirken, in denen Krankenhausabteilungen geschlossen wurden, gewinnt die FPÖ hoch signifikant mehr dazu (MW: 20,14, SD: 4,61) als in Gemeinden/Bezirken, die von Schließungen nicht betroffen waren (MW: 16,34, SD: 4,31).

Sie hängt darüber hinaus auch von Gerichtsschließungen ab (F(285= 1,58, p<,01). In Gemeinden/Bezirken, die von Gerichtsschließungen betroffen waren (MW: 17,51, SD: 4,69), sind die FPÖ-Zugewinne signifikant geringer als in solchen, die davon nicht betroffen (MW: 19,09), SD: 4,95) waren.

Die Arbeitslosenrate korreliert negativ mit der Prozentpunktdifferenz  der FPÖ (r= -,14, p<,05). Je höher die Arbeitslosenrate ist, desto weniger gewinnt die FPÖ dazu.

Das Wahlergebnis der FPÖ unterscheidet sich hoch signifikant je nachdem, wie hoch die Arbeitslosenrate im Vergleich zum Landesschnitt ist (F(2,284)= 20,50, p<,01). Wenn sie im Landesschnitt liegt (MW: 21,12, SD: 4,42), gewinnt die FPÖ mehr, als wenn die Arbeitslosenrate sowohl unter (MW: 18,67, SD: 4,55, p<,05) als auch wenn sie über dem Landesschnitt liegt (MW: 15,65, SD: 4,52, p<,01). Sie gewinnt außerdem mehr, wenn die Arbeitslosenrate unter dem Landesschnitt liegt als darüber (p<,01).

Der Migrantenanteil korreliert signifikant negativ mit der Prozentpunktdifferenz der FPÖ (r= -,15, p<,05). Je mehr Migranten in einer Gemeinde leben, desto geringer sind die Zugewinne der FPÖ.

Renitenzfaktor1 korreliert hoch signifikant positiv (r= ,24, p<,01) mit der Prozentpunktdifferenz. Je höher er ist, desto mehr gewinnt die FPÖ dazu.

Der Gemeindefusionsfaktor korreliert signifikant negativ mit der Prozentpunktdifferenz (r= -,20, p<,05). Je mehr (ursprüngliche) Gemeinden fusioniert wurden, desto größer sind die Zuwächse der FPÖ.

Der Bezirksfusionsfaktor korreliert hoch signifikant negativ mit der Prozentpunktdifferenz (r= -,26, p<,01). Umso mehr Gemeinden in einem Bezirk fusioniert wurden, umso weniger gewinnt die FPÖ dazu.

 

Regression

Die Kennwerte für das beste Modell des FPÖ-Gesamtergebnisses sind R2 = 0,323 und R2korr = 0,294, das bedeutet, es liegt eine große Effektstärke vor.

Folgende Variablen sind im Modell enthalten:

Variable b Sig.
Konstante 171,685 ,000
Wahlberechtigte -6,010 ,026
Wahlbeteiligung -,152 ,017
Wahlbeteiligung in Kategorien = Zunahme 1,277 ,109
Gemeindefusionsstatus = Fusioniert 1,343 ,049
Bezirksfusionsstatus = Fusioniert 1,746 ,063
Arbeitslosenrate 4,758 ,000
Veränderung Arbeitslosenrate in Kategorien = Zunahme -7,799 ,001
Arbeitslosenrate im Vergleich zum Landesschnitt = Überdurchschnittlich 4,473 ,000
Anzahl kandidierende Parteien -22,710 ,000
Veränderung kandidierende Parteien 8,734 ,000
Renitenzfaktor1 ,103 ,000
Mehrheitsverhältnis 2010 = SP_AM -1,060 ,232

Tab 20: Modell FPÖ-Gesamtergebnis

 

Die Kennwerte für das beste Modell der FPÖ-Prozentpunktdifferenzen sind R2 = 0,375 und R2korr = 0,343, das bedeutet, es liegt eine große Effektstärke vor.

Folgende Variablen sind im Modell enthalten:

Variable b Sig.
Konstante 166,013 ,000
Wahlberechtigte 2015 -2,916 ,212
Gemeindefusionsstatus = Fusioniert 1,093 ,051
Bezirksfusionsstatus = Fusioniert 1,000 ,182
Polizeipostenschließung = Ja 1,126 ,169
Bezirksgerichtsschließung = Ja 3,421 ,097
Arbeitslosenrate 6,872 ,000
Veränderung Arbeitslosenrate (Ppd) -3,973 ,066
Veränderung Arbeitslosenrate in Kategorien = Zunahme -9,504 ,001
Arbeitslosenrate im Vergleich zum Landesschnitt = Unterdurchschnittlich 3,315 ,075
Arbeitslosenrate im Vergleich zum Landesschnitt = Überdurchschnittlich -4,373 ,200
Anzahl kandidierende Parteien -26,339 ,000
Veränderung kandidierende Parteien 7,601 ,000
Renitenzfaktor1 ,076 ,000
Mehrheitsverhältnis 2010 = VP_RM -1,083 ,042

Tab 21: Modell FPÖ-Prozentpunktdifferenzen

 

(…)

 

Zusammenfassung

Von insgesamt 288 durchgeführten statistischen Berechnungen wiesen 54,9 Prozent keine, 14,6 Prozent signifikante und 30,6 Prozent hoch signifikant Korrelationen bzw. Mittelwertdifferenzen auf. Von den (hoch) signifikanten Korrelationen bzw. Mittelwertunterschieden entfielen 79 (= 27,4% bzw. 62,7%) auf die Gesamtergebnisse und 48 (= 16,7% bzw. 37,8%) auf die Prozentpunktdifferenzen.

Die folgende Tabelle ediert die jeweiligen Signifikanzen für die insgesamt 24 gerechneten Variablen:

ns s hs Summe s+hs
Wahlberechtigte 58,3% 16,7% 25,0% 41,7%
Wahlbeteiligung 33,3% 16,7% 50,0% 66,7%
Veränderung Wahlbeteiligung  (Ppd) 58,3% 33,3% 8,3% 41,7%
Veränderung Wahlbeteiligung in Kategorien 100,0% 0,0% 0,0% 0,0%
Gemeindefusionsstatus 41,7% 8,3% 50,0% 58,3%
Bezirksfusionsstatus 66,7% 25,0% 8,3% 33,3%
Schulschließung 91,7% 8,3% 0,0% 8,3%
Polizeipostenschließung 100,0% 0,0% 0,0% 0,0%
Gesundheitsversorgung 41,7% 16,7% 41,7% 58,4%
Postamtsschließung 100,0% 0,0% 0,0% 0,0%
Schließung von Bezirksgerichten 16,7% 16,7% 66,7% 83,4%
Arbeitslosenrate 33,3% 16,7% 50,0% 66,7%
Veränderung Arbeitslosenrate (Ppd) 50,0% 0,0% 50,0% 50,0%
Veränderung Arbeitslosenrate in Kategorien 58,3% 16,7% 25,0% 41,7%
Arbeitslosenrate im Vergleich zum LS 16,7% 25,0% 58,3% 83,3%
Flüchtlinge in Prozent 91,7% 0,0% 8,3% 8,3%
Existenz von Flüchtlingen 50,0% 16,7% 33,3% 50,0%
Migrantenanteil 33,3% 16,7% 50,0% 66,7%
Renitenzfaktor1 16,7% 16,7% 66,7% 83,3%
Renitenzfaktor2 41,7% 0,0% 58,3% 58,3%
Kandidaturen von Namenslisten in Kategorien 58,3% 25,0% 16,7% 41,7%
Anzahl der Namenslisten 58,3% 8,3% 33,3% 41,7%
Gemeindefusionsfaktor 83,3% 16,7% 0,0% 16,7%
Bezirksfusionsfaktor 33,3% 16,7% 50,0% 66,7%

Tab 36: Signifikanzen der einzelnen Variablen (Rest Rundungsfehler)

 

Das Höchstmaß an (Hoch-) Signifikanzen ist für die Variable Schließung von Bezirksgerichten festzuhalten. Bei drei Variablen (= 12,5%) existieren keine (hoch) signifikant Korrelationen bzw. Mittelwertunterschiede.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Prozentanteile der (Hoch-)Signifikanzen an den für die einzelnen Parteien jeweils durchgeführten Berechnungen:

 

 

Berechnungen ns s hs s+hs
ÖVP 48 19 7 22 29 60,4%
KPÖ 48 23 12 13 25 52,1%
„Grüne“ 48 26 4 18 22 45,8%
NEOS 24 13 2 9 11 45,8%
FRANK 24 14 2 8 10 41,7%
FPÖ 48 31 6 11 17 35,4%
SPÖ 48 32 7 9 16 33,3%

Tab 37: Prozentanteile der (Hoch-)Signifikanzen

 

Die abschließende Tabelle ediert die Effektstärken des jeweiligen Regressionsmodells, sofern Berechnungen durchgeführt wurden:

SPÖ ÖVP FPÖ „Grüne“ KPÖ NEOS FRANK
Ge Ppd Ge Ppd Ge Ppd Ge Ppd Ge Ppd Ge Ge
Kleine Effektstärke
Mittlere Effektstärke X X
Große Effektstärke X X X X X X X X X X

Tab 38: Effektstärken der Regressionsmodelle

 

Morgen:

Beschleunigter Puls im Grünen Herz: Die Steirische Wählerstromdynamik im Vergleich

Von Evelyn Hacker, Christoph Hofinger und Andreas Holzer

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[1] Signifikant = p<,05; hoch signifikant = p<,01.

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