Evelyn Hacker, Christoph Hofinger und Andreas Holzer: Beschleunigter Puls im Grünen Herz: Die Steirische Wählerstromdynamik im Vergleich

Einleitung

Die erste Steiermark-Hochrechnung um 17 Uhr des Wahltags zeigte ein Bild, das vorher so niemand erwartet hatte: SPÖ, ÖVP und FPÖ lagen als Folge enormer Stimmenverschiebungen gleichauf. Es war eine dramatische Ouvertüre für das Politikjahr 2015, das von der Flüchtlingsdebatte geprägt wurde – und von insgesamt vier Landtagswahlen, deren Wahlkampfdynamik, Ergebnisse und Folgen die gesamte Republik bewegten und auch langfristig prägen werden.

Wie ist die steirische Wählerdynamik im bundesweiten Kontext einzuordnen? Haben tatsächlich mehr Wahlberechtigte in diesem Bundesland ihre Partei gewechselt als in anderen? Ist der steirische Puls erst 2015 schneller geworden oder war er schon seit längerem erhöht? Welche Wählerströme sind im Endeffekt dafür ausschlaggebend, dass sich die politische Landschaft in der Steiermark in den vergangenen Jahren immer wieder neu formiert hat? Durch vergleichende Analyse der SORA-Wählerstromberechnungen gehen wir im Folgenden diesen Fragen auf den Grund.

 

(…)

 

Die Zahlen hinter den Dramen: Wahlgeschichtlich entscheidende Ströme seit 2000

Welche großen Wählerbewegungen liegen hinter den dramatischen Veränderungen in der jüngsten steirischen Wahlgeschichte? In der folgenden Tabelle werden die großen Wählerströme bei den vier steirischen Landtagswahlen seit 2000 dargestellt. Darunter verstehen wir hier jene Bewegungen, die mindestens drei Prozent aller Wahlberechtigten umfassten.

Die auffallendste Bewegung zwischen 1995 und 2000 stellt die Wanderung ins Nichtwählen dar. Fünf Prozent aller Wahlberechtigten wenden sich von der SPÖ ab und bleiben 2000 zu Hause, drei Prozent sind Nichtwählerinnen und Nichtwähler, die 1995 noch FPÖ gewählt haben. Der starke Zugewinn der ÖVP wird am stärksten von den Freiheitlichen gespeist, der Strom von „Blau“ zu „Schwarz“ macht ebenfalls drei Prozent der Wahlberechtigten aus.[1]

  2000 2005 2010 2015
ÖVP an SPÖ   7    
ÖVP an FPÖ       6
SPÖ an FPÖ       3
SPÖ an Nichtwähler/-innen 5   3 4
FPÖ an Nichtwähler/-innen 3      
FPÖ an ÖVP 3      

Tab 1: Die größten Ströme bei Landtagswahlen in der Steiermark seit 2000 in Prozent der Wahlberechtigten

Gerundete Werte von mindestens 3 % der Wahlberechtigten; 1 % entspricht etwa 9000 bis 9700 Wählerinnen und Wähler

 

Für eine politische Wende wie im Jahr 2005, als die SPÖ die ÖVP überholt, können grundsätzlich zwei Faktoren ausschlaggebend sein: Die unterlegene Partei hat größere Mobilisierungsschwierigkeiten (mehr Nichtwählerverluste) oder direkte Übertritte vom Verlierer zum Sieger. Die Wählerstromanalyse gibt hier eine eindeutige Antwort: Der Machtwechsel 2005 kann primär durch den direkten Wechsel ehemaliger ÖVP-Wählerinnen und -Wähler zur SPÖ erklärt werden. Jeder fünfte ÖVP-Wähler von 2000 wählte 2005 die SPÖ. Mit sieben Prozent der Wahlberechtigten ist der Übertritt von „Schwarz“ zu „Rot“ im Jahr 2005 der größte Einzelstrom der vergangenen zwei Jahrzehnte in der Steiermark.[2] Insgesamt waren 21% der steirischen Wahlberechtigten 2005 Parteiwechslerinnen und Parteiwechsler; 2015 war also – wie an der folgenden Tabelle ersichtlich – nicht die erste Wahl, bei der mehr als ein Fünftel des Elektorats bei zwei aufeinanderfolgenden Wahlen einer anderen Partei die Stimme gab.[3]

  1995 2000 2005 2010 2015
ÖVP 36,2 47,3 38,7 37,2 28,5
SPÖ 35,9 32,3 41,7 38,3 29,3
FPÖ 17,1 12,4 4,6 10,7 26,8
„Grüne“ 4,3 5,6 4,7 5,6 6,7
KPÖ 0,6 1 6,3 4,4 4,2
LIF 3,8 1,1      
BZÖ     1,7 3  
Neos         2,6
Sonstige 1,9 0,2 2,3 1 2
Wahlbeteiligung 87 74,6 76,2 69,5 67,9

Tab 5: Wahlergebnisse bei Landtagswahlen Steiermark 1995-2015

 

Der dynamischste Aspekt der Wahl 2010 ist der Rückgang der Wahlbeteiligung, die auf 69,5% Prozent sinkt. Am stärksten davon betroffen ist die SPÖ, die drei Prozent aller Wahlberechtigten an die Nichtwählerinnen und Nichtwähler verliert.

Die Erdrutschwahl 2015 ist schließlich von drei großen Strömen gekennzeichnet. Der mit Abstand größte ist die Wanderung von ehemaligen ÖVP-Wählerinnen und -Wählern zur FPÖ: Sechs Prozent aller Wahlberechtigten wechseln direkt von „Schwarz“ zu „Blau“. Die massiven Verluste der SPÖ sind, wie bereits in der Vergangenheit, am stärksten auf die Verluste in Richtung Nichtwählen zurückzuführen: Vier Prozent der Wahlberechtigten wechseln von der SPÖ zur Wahlenthaltung und etwas weniger, aber noch immer drei Prozent der Wahlberechtigten, von der SPÖ zur FPÖ.

Zusammengefasst lässt sich bei Betrachtung der großen Ströme von 2000 bis 2015 in der Steiermark schlussfolgern:

  1. Die FPÖ erlangt ihren starken Zuwachs 2015 vor allem durch direkten Wechsel von ÖVP und SPÖ, wobei die „blauen“ Zugewinne von „Schwarz“ bedeutender sind als von „Rot“.
  2. Tendenziell schadet die kontinuierlich sinkende Wahlbeteiligung am stärksten der SPÖ und erklärt ihre Verluste 2015 in der Steiermark am meisten.
  3. Es gibt in der Steiermark ein nicht zu vernachlässigendes „schwarz“-„rotes“ Wechselwählerpotential (was sich vor allem bei der Wahl 2005 zeigte).

 

(…)

 

Fazit

Die Steiermark hat sich von einem Bundesland mit unterdurchschnittlicher Wählerdynamik in der Landtagswahlperiode 1999 bis 2003 zu einem mit überdurchschnittlicher Dynamik gewandelt. Rund um die Jahrtausendwende zeichnete sich das klassische regionale Muster der Wählerdynamik in Österreich dadurch aus, dass im Osten die Wählerdynamik am geringsten und im Westen am stärksten ist.  Durch die enormen Verschiebungen bei der jüngsten Serie an Landtagswahlen weist die Mitte des Landes (Kärnten, Steiermark und Salzburg) derzeit die stärkste Dynamik auf. Sie liegt damit im Augenblick vor dem Westen (Tirol und Vorarlberg) und den übrigen Bundesländern, die durch die vergleichsweise höchste Konstanz beim Wählerverhalten geprägt sind – das gilt auch für Wien.

Österreichweit sind eine steigende Dynamik am Wählermarkt und insbesondere ein deutlicher Anstieg der Parteiwechslerinnen und Parteiwechsler zu beobachten. Wahlkämpfe, Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten und für die Wahlentscheidung kurzfristigere Faktoren gewinnen somit an Bedeutung. Gleichzeitig steigt aber auch der Anteil der konstanten Nichtwählerinnen und Nichtwähler: In der Steiermark hat sich deren Anteil zwischen 1995 und 2015 von 13 auf 32 Prozent mehr als verdoppelt, bereits ein Viertel der wahlberechtigten Steirerinnen und Steirer sind konstante Nichtwählerinnen und Nichtwähler.

Diese sinkende Wahlbeteiligung schadet bei der Erdrutschwahl 2015 in der Steiermark der SPÖ stärker als der ÖVP. Für die ÖVP ist hingegen vor allem der Wechsel ihrer ehemaligen Wählerinnen und Wähler zur FPÖ, für die deutlichen Verluste verantwortlich. Dieser Befund gilt übrigens nicht nur für die Steiermark, sondern auch für die Landtagswahlen in Burgenland, Oberösterreich und Wien: Die ÖVP ist stärker als die SPÖ mit der Abwanderung ihrer Wählerinnen und Wähler ins freiheitliche Lager konfrontiert, während die SPÖ in ähnlichem Ausmaß an die FPÖ und die Nichtwählerinnen und Nichtwähler verliert.

Die FPÖ erlangt ihren starken Zuwachs in der Steiermark bei den Wahlen 2015 vor allem durch den direkten Wechsel von ÖVP und SPÖ, wobei die „blauen“ Zugewinne von „Schwarz“ bedeutender sind als von „Rot“. Die stärksten Übergänge von „schwarz-rot“ zur FPÖ sind im weiteren Grazer Umland zu finden, wo sich starke Ströme sowohl von der ÖVP als auch der SPÖ überlagern. Bei aller Dominanz der Ströme von den „Reformpartnern“ zur FPÖ bei den letzten Landtagswahlen sollte nicht vergessen werden, dass es in der Steiermark auch ein nicht zu vernachlässigendes „schwarz-rotes“ Wechselwählerpotential gibt – das zeigte sich vor allem bei der Wahl 2005.

Die hohe Dynamik zugunsten der FPÖ in der Steiermark hat auch zur Folge, dass nur drei von zehn steirischen FPÖ-Wählerinnen und -Wähler als Stammwählerinnen und Stammwähler zu bezeichnen sind. Sieben von zehn FPÖ-Wählerinnen und -Wählern haben also bei der vorhergehenden Wahl eine andere Partei oder gar nicht gewählt. Ob es die FPÖ schafft, diese an sich zu binden oder ob die Steierinnen und Steirer Gefallen an ihrer neu entdeckten Wechselfreudigkeit gefunden haben und der Pulsschlag im „grünen Herzen“ Österreichs im hohen Frequenzbereich bleibt, ist eine spannende Frage, die erst die nächste Wahl beantworten kann.

 

Morgen:

Wahlverfahren im Vergleich

Von Peter Filzmaier, Christian Klamler, Flooh Perlot und Richard Sturn

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[1] Der ÖVP gelingt es überdies mit Abstand am besten, ihre Wählerinnen und Wähler von 1995 wieder zu mobilisieren: 92% der ÖVP- Wählerinnen und -Wähler von 1995 bleiben ihr 2000 treu.

Vgl. SORA: Landtagswahl Steiermark 2000. Im Internet:  http://www.sora.at/themen/wahlverhalten/wahlanalysen/ltw-stmk00.html (eingesehen am 4. März 2016).

[2] Und wohl auch der gesamten Nachkriegszeit, da – auch wenn keine Wählerstromanalysen für frühere Wahlen vorliegen – die in der Regel moderaten Veränderungen zwischen 1945 und 1995 in der Steiermark keinen derartig großen einzelnen Wählerstrom nahelegen.

[3] Auch in anderen Bundesländern sind derart massive Einzelströme selten. Vergleichbar war der Wechsel von acht Prozent der Kärntner Wahlberechtigten vom BZÖ zur SPÖ im Jahr 2013, ebenso wechselten 2015 in Oberösterreich acht Prozent der Wahlberechtigten von der ÖVP zur FPÖ.

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